Der Schweiß der zweiten Liga

Fangesänge und Trommeln tönen durch die Handball-Arena. Auf dem Spielfeld findet ein Zweikampf statt, es wird um den Ball gerangelt. Ein Spieler fällt zu Boden und die Zuschauer johlen. Dann schrillt ein Pfiff durch die Halle: Der Schiedsrichter hält die Zeit an.

Bereit loszusprinten hat Lisa Schuster vom Spielfeldrand alles genau verfolgt. Die 23-jährige Jurastudentin ist klein, schlank, hat ihre strohblonden Haare sportlich zu einem Zopf gebunden und trägt eine knappe grüne Hose und darüber ein weißes Trikot. Der Schiedsrichter winkt sie heran und mit einem Wischmob in der Hand joggt sie auf das Spielfeld. Während die knapp 5.000 Zuschauer weitersingen, wischt sie den Schweiß des gefallenen Spielers vom Boden, damit niemand darauf ausrutscht.

Lisa ist routiniert:

„Am Anfang hab ich gedacht: Wer guckt mich jetzt alles an. Aber ich mach mir da nicht mehr so den Kopf.“

Möglichst unauffällig und schnell macht sie ihre Arbeit.

Ihr Arbeitsplatz ist die Red-Bull-Arena in Leipzig. Hier kämpft der Leipziger Handballverein SC DHfK gerade um den Aufstieg in die erste Liga. Dafür muss Eintracht Hildesheim besiegt werden. Es ist ein aufregendes Spiel, alle paar Minuten fällt ein Tor.

Anna Lebedeva sitzt an der anderen Spielfeldhälfte auf einem Stuhl, auch sie ist eine sogenannte „Wischerin“. Eigentlich studiert Anna Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und arbeitet neben dem Studium als Kellnerin in der Red-Bull-Arena.

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Die schlanke 28-jährige hat kurze braune Haare, trägt knallroten Lippenstift und hat die knappen grünen Shorts heute zum ersten Mal an:

„Als ich von dem Job gehört habe, habe ich mich sehr echauffiert, dass das nur Frauen machen dürfen, in kurzen Höschen. Mein feministisches Herz hat da ein bisschen höher geschlagen. Dann kam meine Chefin mit der Anfrage, ob ich den Job machen möchte.“

Anna hat zugestimmt, doch nicht ganz uneigennützig.

Das Spiel ist schnell, die Handballer schwitzen. Sie rennen, springen hoch, fallen hin und ihr Schweiß verteilt sich überall. Das Publikum feuert sie an, denn jeder will, dass seine Mannschaft gewinnt.

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Die Künstlerin Anna will mehr aus diesem Job machen als nur wischen, ein Kunstprojekt soll daraus entstehen. Deshalb lässt sie sich bei ihrer Arbeit filmen.

„Nach Jahren der Emanzipation zu sagen, dass man nur hübsche Mädchen in kurzen Höschen den Schweiß der Männer wegwischen lässt, das finde ich prekär. Ich stelle mir auch die Frage, ob man eine Figur dafür haben muss. Also ob das jeder machen kann.“

Ihre Chefin Jenny Bayger erzählt:

„Unserer Sponsor der letzten Saison wollte gerne, dass das nur Mädels machen. Unserem jetzigen ist es egal, ob es Mädels oder Jungs machen.“

Doch in die knappen Shorts und das Trikot müssen die Wischer auch passen.

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Für die Jurastudentin Lisa ist es der perfekte Studentenjob. Sie spielt selbst Handball und findet:

„Dafür, dass man fast nichts zu tun hat, ich hab ja wenig Verantwortung, ist es gut bezahlt.“

Fünf Euro die Stunde für ein bisschen warten, ein bisschen wischen und gut aussehen.

Das Spiel zwischen dem SC DHfK und Eintracht Hildesheim bleibt auch in den letzten Minuten spannend, alle 14 Spieler zeigen, was sie können. Jetzt wischt Anna zum ersten Mal. Beinahe verpasst sie ihren Einsatz, weil sie mit ihren Gedanken woanders ist. Das Spiel interessiert sie nicht.

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Ungewöhnliche Studentenjobs kennt Anna bereits: Toiletten hat sie schon geputzt und seit acht Jahren arbeitet sie nebenbei als Pflegehilfe. Auch Lisa kann vom Wischen nicht leben und sitzt zusätzlich bei Kaufland an der Kasse.
Mehr als 10.000 Studentenjobs hat das Leipziger Studentenwerk im vergangenen Jahr vermittelt, denn etwa zwei Drittel der knapp 37.000 Leipziger Studenten braucht extra Geld, um sich Leben und Studium finanzieren zu können.

So wie Anna, doch beim nächsten Spiel ist sie nicht nochmal dabei:

„Das war mit das Unangenehmste, was ich seit Ewigkeiten gemacht habe. Sich vor 5.000 Menschen heranwinken zu lassen, um zu wischen.“

Chefin Jenny Bayger kennt das bereits:

„Es ist immer mal ein Problem Mädels zu finden. Ich muss viel Überzeugungsarbeit leisten. Oder ich habe die direkt bei einer Personalagentur gebucht, wo die wissen, dass sie in kurzen Hosen und T-Shirt auf das Spielfeld laufen müssen.“

Doch auf Lisa als Wischerin kann Jenny zählen. Obwohl Anna und sie heute viel wischen mussten, steht nach 60 Minuten fest: Der SC DHfK Leipzig steigt nicht in die erste Liga auf.

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